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Informationsveranstaltung "Geothermie für Holzkirchen" am 27.02.2012

(vom 01.03.2012)

Geothermie - eine historische Chance für Holzkirchen

Rund 400 Bürger besuchten Infoveranstaltung - tosender Beifall für das Projekt


Holzkirchen

Als eine historische Chance bezeichnete Holzkirchens Erster Bürgermeister Josef Höß die Möglichkeit für die Marktgemeinde, das geplante Geothermieprojekt zur Produktion von Strom und Wärme zu realisieren. Mehr als 400 Bürgerinnen und Bürger nutzten die Veranstaltung am vergangenen Montag im Festsaal des Oberbräu, um sich umfassend zu diesem Thema zu informieren. Zum Abschluss stellte Bürgermeister Höß den Anwesenden die Frage: „Wollen sie diesen Weg mit uns gehen?" Die Antwort: tosender Beifall. Am 22. März wird der Marktgemeinderat entscheiden, ob dieser Weg beschritten wird oder nicht.

„Dieser Tag wird vielleicht in die Geschichte von Holzkirchen eingehen", prophezeite Josef Höß in seiner Einführung und zog einen Vergleich zu dem Visionär Oskar von Miller, der schon 1895 das erste umweltfreundliche Projekt, eine Stromanlage bei der Maxlmühle errichtet hatte

Bereits vor sechs Jahren stellte die Marktgemeinde die Weichen für das umweltfreundliche und lokale Energieprojekt und erwarb den ersten Teil des Claims, auch Aufsuchungsfeld genannt. Dank etwas Glück kam die Marktgemeinde dann sogar in den Alleinbesitz des rund 126 km² großen Claims Holzkirchen.

Bürgermeister Höß verwies auf die zahlreichen Vorteile der umweltfreundlichen Energieversorgung mit Erdwärme und betonte: „Wenn wir das Geothermieprojekt als Kommune betreiben, haben wir in Zukunft die Preisgestaltung in der Hand und sind nicht mehr abhängig von Öl und Gas. Bei Geothermie fallen zwar anfangs hohe Bohr- und Investitionskosten an, aber dafür steht uns der Energieträger selbst, also das heiße Thermalwasser, bei Inbetriebnahme kostenlos und so gut wie unerschöpflich zur Verfügung."

Rund zweieinhalb Stunden verfolgten die Besucher konzentriert die Präsentationen und Informationen der geladenen Experten. Der Geologe Dr. Klaus Dorsch von der Firma Erdwerk, stellte die Ergebnisse der Anfang 2011 durchgeführte 3-D-Seismik Untersuchung vor, bei der eine „Landkarte des Erdinneren" angefertigt wurde. Dorsch präsentierte die lokalisierten „Hotspots". Dies sind so genannte Störungen in der Kalkschicht (Malm), mit vielen Rissen, Riffen und Hohlräumen, in denen sich besonders viel heißes Thermalwasser sammelt. Erdwerk rechnet mit einer sehr hohen Schüttung von 80 bis 120 Litern pro Sekunde und einer Thermalwassertemperatur von rund 150 Grad Celsius. Viele Strukturen seien zum Anbohren geeignet, lautete das Fazit des Geologen. Dank der Erdölbohrungen in den 70er Jahren sei das Gebiet des Holzkirchner Claims bereits gut erforscht, zählte Dorsch einen weiteren Pluspunkt auf. Außerdem könne Holzkirchen von den Erfahrungen der zahlreichen Geothermieprojekte in der näheren Umgebung profitieren. Da dort die Fündigkeiten, also ausreichend hohe Temperaturen und Schüttmengen, gegeben seien, bestünden für Holzkirchen besonders günstige Prognosen. 

 Anhand dieser Daten aus der Seismik-Untersuchung wurden die Bohrplätze für die hydrothermale Geothermie sondiert. Für die Förderbohrung des heißen Tiefenwassers ist die Alte Au im Gewerbegebiet vorgesehen. Die Reinjektionsbohrung, mit der der Thermalwasserkreislauf wieder geschlossen wird, soll am Teufelsgraben positioniert werden. „Beide Standorte sind wegen ihrer guten Lage und Infrastruktur optimal", so Dorsch. Rund 5.200 Meter werden sich die Bohrmeißel in der Alten Au in die Tiefe drehen, bei der zweiten Bohrung werden es etwa 5.000 Meter sein. Bestätigt ein Langzeitpumpversuch die Prognosen, dann könne der Bau des Kraftwerks unmittelbar bei der Förderbohrung in der Alten Au, mit einer bisher geplanten Leistung von 5,5 Megawatt (MW) begonnen werden.

Dr. Thomas Reif von der Kanzlei Gaßner, Groth, Siederer & Coll., stellte die Wirtschaftlichkeitsberechnung des Projektes vor und sprach von einer sehr robusten Ökonomie im Falle Holzkirchens. Die Investitionskosten werden mit rund 65 Millionen Euro kalkuliert, dazu kommen noch rund vier Millionen Euro an Finanzierungkosten. Knapp die Hälfte der Investitionen entfallen auf die Bohrungen, etwa ein Drittel auf den Kraftwerksbau und rund ein Zehntel auf die Risikoabsicherung. Die Marktgemeinde bringt voraussichtlich einen Eigenkapitalanteil in Höhe von 17 Millionen Euro ein. Als Pluspunkt und Novum bezeichnete der Jurist die Zusage der Bayerischen Landesbank und der örtlichen Kreissparkasse, die restliche Finanzierung zu übernehmen. Die gleichzeitige Bereitschaft der Münchner Rück, das Risiko einer Nichtfündigkeit zu versichern, gewährleistet, dass selbst bei nicht ausreichender Energieausbeute die Darlehen zurückgezahlt werden können und keine Steuergelder in den Sand gesetzt werden. „Mit dieser Konstruktion sind sie unabhängig von einem Investor oder von Energiekonzernen, was ein großer Vorteil ist", betonte Reif. Er stellte mehrere Szenarien vor, die allerdings rein auf der Stromgewinnung basieren. Selbst im schlechtesten Fall, bei einer Temperatur von nur 140°C Grad Celsius und einer Schüttung von nur 80 l/s könne sich das Projekt noch selbst tragen. Darunter greife dann die Versicherung. Im realistischen Fall, bei einer Temperatur von zirka 150 Grad könne von einer Gesamtkapitalrendite in Höhe von gut sechs Prozent ausgegangen werden. Bei dieser Kalkulation habe er sehr großzügig gerechnet und zudem viele Sicherheitspuffer eingebaut. Der Jurist verdeutlichte den Zuhörern, dass gerade beim Geothermieprojekt Holzkirchen sehr viele positive Faktoren zusammenträfen: „Sie haben ein sehr günstiges Zinsniveau, optimale geologische Voraussetzungen, zwei Banken und die Versicherung mit im Boot. Von diesen Instituten würde keines mitmachen, wenn sie nicht vom Gelingen überzeugt wären und mithilfe des Energie-Einspeisungsgesetzes (EEG), mit dem der produzierte Strom vergütet wird,  können sie mehr oder weniger in längerfristiger Zukunft sogar ihre Fernwärmeversorgung finanzieren." Gleich zwei Bürger schlugen in diesem Zusammenhang eine Bürgerbeteiligung bei der Finanzierung vor.

Reif lobte die perfekte Planung und Vorbereitung des Projektes und erläuterte den weiteren Zeitplan. Falls sich die Räte für diesen Weg entschieden, könne 2013 mit der Bohrung begonnen werden. Nach dem Langzeitpumpversuch müsse die Kapazität des Kraftwerkes festgelegt werden. Möglich wäre beispielsweise, rund acht MW der Energie für die Fernwärmeversorgung zu nutzen, womit ganz Holzkirchen zu über 75% geothermisch beheizt werden könne. Auf Basis der bereits seit Jahrzehnten verwendeten ORC-Technik (Organic Rankine Cycle) ließe sich zusätzlich ein Kraftwerk mit einer Leistung von rund 5,5 MW errichten, das „grünen Strom" für rund 7.000 Haushalte produzieren könnte. Die Inbetriebnahme des Kraftwerkes ist für Anfang 2016 geplant.

Albert Götz, Leiter der Gemeindewerke Holzkirchen, verdeutlichte, dass immerhin 50 Prozent der in Deutschland eingesetzten Energie zum Heizen benötigt werden. Deshalb sei die Fernwärmeversorgung insbesondere für die Einwohner interessant. „Die bereits vier bestehenden Heizwerke könnten als redundante Systeme eingesetzt werden, und so bei Wartung, in Spitzenzeiten oder bei Pumpentausch die Wärmeversorgung übernehmen", so Götz. Von Vorteil sei auch das bereits vorhandene Fernwärmenetz mit rund 12 Kilometern Länge. Auf die Frage mehrerer Bürger, ob die Fernwärmeversorgung nicht vorgezogen werden könne, merkte Bürgermeister Höß angesichts der Kosten für den Leitungsbau an: „Wir können nicht unser ganzes Geld jetzt und sofort in Geothermie stecken, sondern brauchen auch noch einen Spielraum, um unsere Pflichtaufgaben zu erfüllen. Die Wirtschaftlichkeit unserer Gemeinde muss gewahrt bleiben." Aber es werde geprüft, ob eventuell die Fernwärmeversorgung beschleunigt werden könne, wie überhaupt noch viele Fragen nach der Entscheidung der Marktgemeinderäte geklärt werden müssten, sei es der Umfang der Versicherung, die Organisationsstruktur und vieles mehr. In seinem Schlusswort betonte der Bürgermeister: „Ich persönlich, ich rede hier jetzt nur von mir, ich bin für dieses Geothermieprojekt! Und in vielleicht 50 Jahren werden unsere Nachkommen dann sagen: das haben sie damals gut gemacht."

Viele kompetente Fragen

Die Anwesenden nutzten die Präsenz der Experten und richteten viele, sehr sachorientierte Fragen an diese. Hier ein Auszug davon:


Besteht die Gefahr von Erdbeben?

Antwort: Im so genannten Molassebecken in Bayern, in dem auch der Holzkirchner Claim liegt, wird die hydrothermale Geothermie angewandt. Hierbei wird heißes Tiefenwasser gefördert und wieder in den Untergrund geleitet wird, um den Wasserkreislauf wieder zu schließen. Die Hydrothermale Geothermie unterscheidet sich völlig von dem Hot-Dry-Rock-Verfahren, wie z.B. in Basel in der Schweiz angewandt. Bei diesem Verfahren wird kaltes Wasser zur Wärmegewinnung in heißes Gestein verpresst. Ein weiterer Vorteil gegenüber anderen Regionen ist, dass sich im Bayerischen Molassebecken keine Gipsschichten befinden, die aufquellen können, wie z.B. in Staufen in Baden-Württemberg.

Wie genau sind die seismischen Messungen?

Antwort: Bei der 3-D-Seismik gibt es nur wenige Meter Abweichungen. Bei einer Bohrtiefe von rund 5.000 Meter ist das sehr geringfügig.

Was passiert, wenn die erste Bohrung nicht funktioniert?

Antwort: Hier gibt es noch weitere Pläne, um fündig zu werden.

Wann ist der Vorrat an heißem Wasser in der Tiefe erschöpft?

Antwort: Der Claim Holzkirchen ist ungewöhnlich groß. Aufgrund von Simulationen geht man von einer geologischen Lebensdauer von deutlich mehr als 100 Jahren aus. Der Claim Holzkirchen würde sogar drei oder fünf Kraftwerke vertragen, ohne dass die Ressourcen versiegen würden, lautet das Fazit der Experten.

Machen die Pumpe und die Bohrungen Lärm?

Antwort: Die Pumpe selbst befindet sich in der Tiefe und ist an der Oberfläche nicht zu hören. Auf dem Bohrplatz und auch beim Kraftwerk werden alle Emissionsvorschriften eingehalten. Der Bohrmeißel mit seinen Diamantblättern zertrümmert nicht das Gestein, sondern schneidet sich in den Untergrund. 

Wird im Kraftwerk Ammoniak verwendet?

Antwort: Nein, bei der ORC-Technik kommt ein organisches, nicht toxisches und nicht brennbares Fluid zum Einsatz.

Besteht eine Gefahr für das Trinkwasser?

Antwort: Nein, denn erstens hat das geförderte Thermalwasser fast Trinkwasserqualität. In Erding und Füssing wird es zum Beispiel zum Baden verwendet. Zweitens sind alle Kreisläufe ins sich geschlossen, das heißt, es wird nur die Wärme ausgetauscht. Man kann sich das vorstellen wie bei den Bierflaschen, die im Wirtshaus zum Erwärmen in ein Kupfereimerchen gestellt werden.

Energieversorgung mit Geothermie

Vorteile für den Geldbeutel und die Umwelt:

  • Unerschöpflich und rund um die Uhr verfügbar.
  • Klimafreundliche Wärmeversorgung.
  • Dank lokaler Förderung, unabhängig von den Energiemärkten und somit preisstabil.
  • Komfortable und saubere Energieversorgung. Weder Öl-, Gaskessel noch Holzpelletheizung nötig. Nur noch kleine Wärmeübergabestationen vor Ort.
  • Einsparung von Wartungs- und eventuelle Versicherungskosten. Keine Brennstoffe mehr im Haus. Somit weder Brand-, noch Explosionsgefahr sowie Grundwassergefährdung und Gerüche.
  • Stärkung der heimischen Wirtschaft, da Einbau über lokale Heizungsfirmen erfolgt.
  • Keine Lärmemissionen im Haus

Redaktion:
Medienbüro
Keidel-Landsee
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